Skip links
logo nectanet black forest power region

„Müssen Wirtschaft machen lassen“

„Müssen Wirtschaft machen lassen“

Die Wirtschaftsregion WRO heißt jetzt Nectanet. Geschäftsführer Dominic Fehringer skizziert im Interview die internationaler aufgestellte Strategie. Er erklärt auch, weshalb die Ortenau anders mit dem chinesischen IT-Giganten Huawei umgeht als die USA.

Herr Fehringer, 180 Unternehmen und so gut wie alle Kommunen im Kreis gehören zu Nectanet. Sie haben die rührige Arbeit Ihres Vorgängers Manfred Hammes weitergeführt und neue, vor allem digitale Akzente gesetzt. Warum braucht es jetzt eine neue Strategie?
Die Welt befindet sich im rasanten Wandel. Jedes Unternehmen muss sich neu erfinden. Auch die öffentlichen Verwaltungen sind unter großem Druck, insbesondere digitale Innovation zu forcieren. Das veränderte Umfeld ist für alle eine Herausforderung, der sich auch die Wirtschaftsförderung stellen muss.

Wie sieht diese Strategie aus?
In einem intensiven Prozess haben Gesellschafter und Beiratsmitglieder im vergangenen Jahr eine neue strategische Ausrichtung beschlossen. Die Arbeit von Nectanet fokussiert sich in der kommenden Zeit die Themen Standortmarketing, Fachkräftemangel, Investorenansprache, Internationalisierung, Innovation und Start-ups, das Ermöglichen internationale Verbindungen und die Netzwerkbildung.

Der alte Namen WRO sei zu erklärungsbedürftig gewesen, haben Sie immer wieder betont. Das trifft auch auf Nectanet zu. Wieso haben Sie sich trotzdem für ihn entschieden?
Der Name WRO war für die Gesellschaft in der Aufbauzeit der richtige Begriff. Man hatte im Schwerpunkt eine nach innen gerichtete Ausrichtung. Hauptaufgabe war die Ausbildung eines tragfähigen regionalen Netzwerks. Dieses Ziel wurde erreicht. Das Netzwerk steht in beachtlicher Größe und Ausprägung. Jetzt geht es darum, aus diesem Netzwerk heraus immer mehr Synergien zu heben. Nectanet muss mehr sein als ein Netzwerk. Bei der Ausarbeitung der strategischen Aufgabenfelder haben wir festgestellt, dass wir um eine markenpolitische Neuordnung nicht herumkommen. Nectanet fallen als Gesellschaft zur Regionalentwicklung verstärkt Aufgaben mit internationaler Ausrichtung zu. Die neue assoziative Marke entfaltet ihre Stärke im internationalen Agieren und im digitalen Raum. Mit Nectanet gehen wir bewusst einen mutigen Schritt in die Zukunft.

Bedeutet die Neuausrichtung von Nectanet hin zu Märkten wie Brasilien eine Abkehr von China, das sie als Leitmarkt für die WRO fokussiert hatten? War diese Strategie vielleicht sogar ein Fehler?
Ganz im Gegenteil. Als Netzwerkknoten kann Nectanet die vielfältigen Verbindungen in alleWelt für das gesamte Netzwerk öffnen und nutzbar machen. Mit Partnern aus China unterhalten wir enge Verbindungen. Die über Jahre erschlossenen und gepflegten Verbindungen wollen wir weiter intensivieren. Wichtige Industrieunternehmen aus der Ortenau investieren dort aktuell in Fertigungen. Aber China ist längst nicht mehr nur Absatzmarkt für Produkte aus der Ortenau. Jenseits der Grundlagenforschung skaliert die chinesische Wissenschaft Technologien wie kein anderes Land. Daraus entsteht eine Fülle an völlig neuen Ideen, Unternehmen und Produkten. Hinzu kommen andere Faktoren, wie Leistungsbereitschaft und Innovationsfreude. Kurz gesagt: Hier entsteht Zukunft. Und die sollte man immer im Auge behalten.

Und weshalb Brasilien?
Den Blick Richtung Südamerika zu wenden ist keine Abkehr von Beziehungen in andere Regionen der Welt. Als größte Volkswirtschaft Südamerikas bietet sich Brasilien für eine genauere Betrachtung an. Wir legen den Fokus auf die Begegnung mit namhaften brasilianischen Unternehmen, auf den Austausch mit politischen Entscheidungsträgern und wenden uns Themen des Arbeitsmarktes wie Fachkräftemangel und Nachhaltigkeitsthemen, insbesondere der CO₂-Kompensation, zu.

Nectanet soll Türöffner sein für Kommunen und Unternehmen, um mit dem chinesischen Technologiegiganten Huawei in den Austausch zu kommen und so in der Digitalisierung voranzukommen. Nun haben sich Staaten wie die USA, Neuseeland, Australien und Kanada aus Sicherheitsgründen gegen einen Ausbau ihres 5G-Netzes mit der Technologie von Huawei entschieden. Kann das Unternehmen da noch der richtige Partner für die Ortenau sein?
Politische Vorstöße, die der Bevorteilung bestimmter Hersteller dienen sollen, können nicht Grundlage unserer Entscheidungen sein. Wir orientieren uns an maßgeblichen und vertrauenswürdigen Institutionen. Dazu gehört in erster Linie das Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik, das die Vertrauenswürdigkeit von Produkten aller Hersteller überprüft. Der Bundestag hat Gesetze erlassen, die eine strenge Prüfung von kritischen Komponenten der Mobilfunktechnik vorsieht. Damit wurde in Deutschland ein besonders enger Sicherheitsrahmen gesetzt. Kürzlich hat uns Alois Knoll, Professor an der TU München, aufgezeigt, wie eng auch die Forschungskooperationen zwischen der Universität und Huawei sind. Gemeinsam forscht man am Fahrzeug der Zukunft, dem sogenannten Software Defined Vehicle. Ein anderes Beispiel: Ein Unternehmen aus dem Wirtschaftsbeirat hat einen großen Teil der IT-Infrastruktur auf Komponenten aus dem Hause Huawei umgestellt – mit großer Zufriedenheit. Dies geschieht sicher weder leichtfertig noch unbedacht, aber auf der Grundlage unvoreingenommener Prüfung.

Dann orientieren Sie sich nicht am Vorgehen der USA?
Aus wirtschafts- und machtpolitischen Erwägungen heraus werden Sie von dort in allen Wirtschaftsbereichen wenig Begeisterung für eine Kooperation mit chinesischen Marktteilnehmern erhalten. Es kann aber nicht unsere Rolle sein, über jedes Stöckchen zu springen, das uns andere Staaten, auch befreundete, hinhalten. Neuseeland haben Sie als weiteres Beispiel angeführt. An dieser industriell völlig unbedeutenden Insel, die weitab im Pazifischen Ozean liegt, sollten wir uns nicht orientieren. Als größte Volkswirtschaft im Herzen Europas braucht Deutschland eine eigene wirtschaftspolitische Strategie und einen offenen Blick in die ganze Welt. Das unbedachte Zuschlagen von Türen gehört nicht dazu. Wir sind gut beraten, in unserer komplexen Welt nicht auf der Grundlage von eindimensionalem Denken Entscheidungen zu treffen. Im Umgang mit unseren chinesischen Partnern arbeiten wir wissensbasiert. Wer will, findet Wege, wer nicht will, findet Gründe, hat Konfuzius uns als Weisheit hinterlassen. Das ist eine gute Grundlage für wohlüberlegte Entscheidungen.

Wie ist angesichts von dramatischen Menschenrechtsverletzungen und einem zusehends nationalistisch agierenden Regime die Haltung von Ortenauer Unternehmen gegenüber China und den dortigen Unternehmen?
Diese Frage kann ich nicht beantworten, da ich keine Kenntnis über die Haltung der Unternehmen habe.

Passt die internationale Ausrichtung von Nectanet noch zur zunehmenden Rückbesinnung auf den nationalen und regionalen Markt?
Deutschland ist eine Exportnation. Heute und hoffentlich auch morgen werden unsere Unternehmen in der Lage sein, die Welt mit außergewöhnlich guten Produkten und Dienstleistungen zu beliefern. Darauf beruht unser Wohlstand. Die strategische Neuordnung von Lieferketten ist davon unabhängig. Die Versuchung in Deutschland ist groß, auf politische Entscheidungen anderer Länder mit einer Korrektur der eigenen Wirtschaftspolitik zu reagieren. Davor kann ich nur warnen. Walter Eucken, der Vater der Freiburger Schule, wollte die Gestaltung der wirtschaftlichen Ordnung als Gegensatz zu politischen Interventionen in den Markt verstehen. Der Schutz offener Märkte in einer definierten Wettbewerbsordnung sollte unser Maßstab sein. Unternehmen brauchen langfristige Sicherheit für Investitionen und für weitere strategische Entscheidungen. Auch bei der Investorenansprache, bei der Ansprache von Fachkräften und in den Bereichen Innovation und Start-ups passt unsere internationale Ausrichtung.

Teure Immobilien, viel Bürokratie und keine Arbeitskräfte: Wie interessant ist die Ortenau eigentlich überhaupt für ausländische Unternehmen und lokale Start-ups?
Die Ortenau ist wirtschaftsstark in ausgesprochen vielseitiger Ausprägung und dazu ein mehr als lebenswertes Fleckchen hinsichtlich Lage und Freizeitwert. Über mangelndes Interesse können wir nicht klagen. Es ist eher so, dass wir Investorenanfragen ausschlagen müssen, weil die Verfügbarkeit von Flächen begrenzt ist. Die Kommunen sind frei in der Entscheidung darüber, an wen sie ihre Gewerbeflächen vergeben. Das ist gut und richtig so. Nachhaltigkeit und Werthaltigkeit werden häufig als Kriterien angelegt. Start-ups können sich in der Ortenau auf eine professionelle und breit angelegte Begleitung verlassen. In den letzten Jahren haben wir eine aktive Gründergemeinschaft entwickelt. Lokale Zentren mit unterschiedlicher inhaltlicher Ausprägung bereichern die regionale Gründerlandschaft.

Wie beurteilen Sie angesichts der zahlreichen aktuellen Krisen die wirtschaftlichen Aussichten für die Ortenau?
Um im Duktus der fernöstlichen Weisheiten zu bleiben: Alle Dunkelheit der Welt kann das Licht einer einzigen Kerze nicht auslöschen. Die Ortenauer Unternehmer sind kluge, besonnen reagierende Persönlichkeiten, die vor Herausforderungen nicht zurückschrecken. Wir dürfen jegliches Vertrauen in die mittelständische Wirtschaft haben. Aber wir müssen sie auch machen lassen. Dazu braucht es weniger Bürokratie und Gängelung – in allen Bereichen.

Viele Unternehmen in der Ortenau hängen von der Automobilindustrie ab. Die Branche steckt im größten Umwälzungsprozess ihrer Geschichte. Ist das eher Fluch oder Segen für die Ortenau?
Innovation kann immer nur Segen sein. Man muss aber den richtigen Umgang damit finden. Wir können das Denken unterstützen, indem wir Themen platzieren und Verbindungen schaffen. Entschieden wird in den Unternehmen und ich habe keinen Zweifel daran, dass die betroffenen Unternehmen in der Ortenau den richtigen Weg für sich finden, wenn sie ihn nicht bereits eingeschlagen haben.

Was sind die Vorteile des Standorts Ortenau gegenüber anderen Regionen?
Die Kombination aus geographischer Lage, Menschenschlag, wirtschaftlicher Grundlage und lebenswertem Umfeld kann man schon als einzigartig bezeichnen. Fast jede Region wirbt damit, aber hier trifft es wirklich zu.

Sie sind seit 2016 Geschäftsführer. Haben Sie schon mal über neue Herausforderungen nachgedacht?
Ich bin seit sechs Jahren als Geschäftsführer aktiv. Das ist noch nicht mal eine volle Legislaturperiode eines Bürgermeisters, im Maßstab meiner Gesellschafter gemessen.

Am Erreichen welcher Ziele wollen Sie sich in fünf Jahren messen lassen?
Wir wollen der Ortenauer Wirtschaft ein verlässlicher Begleiter sein und weiter echte Mehrwerte erzeugen. Damit ist kein Wachstumsziel hinsichtlich weiterer Gesellschafter oder Beiratsmitglieder verbunden, aber ein Qualitätsversprechen.

Ein Artikel der Mittelbadischen Presse / Wolfgang Kollmer und Jens Sikeler.
https://mittelbadische.de/