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Darum ist die Ortenau eine besonders wirtschaftsstarke Region

Darum ist die Ortenau eine besonders wirtschaftsstarke Region

In der achten Folge unsere Serie „Alles Gute, Ortenaukreis“ geht es um Chancen und Hindernisse für die Wirtschaft. Unternehmen verfügen zwar über viele Trümpfe, die Infrastruktur ist aber verbesserungswürdig. Besonders stark ist die Ortenau als Industriestandort.

Der Ortenaukreis hat verschiedene Merkmale, die ihn insgesamt von anderen Regionen unterscheiden. Er ist landschaftlich von den Schwarzwaldhöhen und der Rheinebene geprägt. Mit einer Größe 1861 Quadratkilometern stellt er den flächengrößten Landkreis in Baden-Württemberg dar. Unmittelbar an der Grenze nach Frankreich gelegen, ist der Austausch mit dem Nachbarland – sowohl was die wirtschaftlichen Aktivitäten, als auch, was die Arbeitskräfte betrifft – deutlich stärker als in anderen Gegenden. Und er ist der industriestärkste Landkreis am Oberrhein. Gleichzeitig zeichnet er sich dadurch aus, dass er zwar fünf Große Kreisstädte, nicht aber eine alles dominierende Metropole hat.

Exportquote stabil

All das hat Auswirkungen auf die Wirtschaftskraft und die Wirtschaftsstruktur. So sind große und weltweit aktive Unternehmen nicht nur an einem zentralen Ort zu finden, sondern in Hornberg genauso wie im Kehler Hafen, in Offenburg genauso wie in Oberkirch, Schwanau und anderswo. Trotzdem sind die internationalen Verbindungen sehr stark. Wie Dominik Fehringer, Geschäftsführer der in Offenburg ansässigen Wirtschaftsfördereinrichtung Nectanet, unterstreicht, liege die Exportquote stabil bei 41 Prozent und sei somit hoch. Fehringer hält die Ortenau auch für eine „Region der Weltmarktführer“. Allerdings sind diese manchmal an recht entlegenen Orten zu finden. Ein anderes Merkmal laut Fehringer: Die Wirtschaftsstruktur ist durch inhabergeführte Unternehmen geprägt.

Verarbeitendes Gewerbe hat dominierende Stellung

Die Industrie hat im Ortenaukreis eine dominierende Stellung – insbesondere das verarbeitende Gewerbe. Gut 32 Prozent der im Privatsektor Beschäftigen sind in letzterer Branche tätig, wie es in einer Anfang 2021 erschienen Veröffentlichung von „Adeus“, der Agentur für Städtebau und Stadtplanung des Ballungsraums Straßburg, heißt. Das sind 1,6 Mal mehr als in der Großregion Grand Est (Elsass, Lothringen, Champagne-Ardenne) und fast vier Mal soviel wie in der Eurometropole Straßburg (die Stadt Straßburg und 32 Umlandkommunen). Die Schwerpunkte in diesem Bereich in der Ortenau sind danach der Werkzeugmaschinenbau und die Metallverarbeitung. Insgesamt sind rund 60000 Beschäftigte im verarbeitenden Gewerbe tätig.

Tourismus hat eine hohe Bedeutung

Auch der Dienstleistungssektor ist von enormer Bedeutung. Nach Angaben der Industrie- und Handelskammer Südlicher Oberrhein arbeiten allein in den Bereichen „Öffentliche Verwaltung“ und „Sozialversicherung“ im Kreis fast 9800 Beschäftigte (Zahlen von Ende Juni 2021). 25.500 sind es im Gesundheits- und Sozialwesen und fast 35.000 in sonstigen Dienstleistungen. Der Tourismus ist nicht nur eine Schön-Wetter-Branche, sondern hat mit kreisweit mehr als 500 Betrieben eine große wirtschaftliche Bedeutung. Belegt der Ortenaukreis doch nach Mitteilung des Landratsamts mit knapp 4,2 Millionen Übernachtungen im Jahr den zweiten Platz aller Landkreise im Schwarzwald. Zu den starken Branchen zählt neben anderen Bereichen auch die Bauwirtschaft mit ihren mehr als 350 Betrieben (Zahlen von Juni 2021).

Die Wirtschaft in der Ortenau hatte wie überall aufgrund der Folgewirkungen der Coronapandemie und des Kriegs in der Ukraine viele Herausforderungen zu meistern. Auch Nectanet-Chef Dominik Fehringer meint: „Die Krisen der vergangenen Jahre haben den Unternehmen schwer zugesetzt.“ Ortenauer Unternehmer gehörten jedoch nicht zum „Menschenschlag der Jammerlappen“. Deshalb nehme man die Nöte vielleicht öffentlich manchmal nicht so sehr wahr. „Aber wenn externe Faktoren wie die Pandemie und Kriege auf eine zunehmend schwierige innerdeutsche Gesamtsituation stoßen, steigen die Herausforderungen über die Schmerzgrenze.“ Das betreffe beispielsweise die Themen Energie, Arbeitskräftemangel, überbordende Bürokratie und eine „hoch investitionsbedürftige Infrastruktur“. Bei der Wirtschaft stoße es auf keine positive Resonanz, wenn der Staat unter Handlungsdruck steht, aber träge reagiert, so Fehringer.

Mangel an Gewerbeflächen

Welche Standortvorteile hat die Ortenauer Wirtschaft, um die Herausforderungen zu meistern? Welche Hindernisse bremsen die Entwicklung? Wie die Straßburger „Adeus“-Agentur nach Gesprächen mit Akteuren der Region hervorhebt, wirkt sich positiv allgemein die gute Anbindung an die europäischen Verkehrskorridore aus. Die zumindest von Norden bis Offenburg vierspurig ausgebaute Autobahn A5, die Rheintalbahn, die Ost-West-Verbindung durch die Bundesstraße B 28 und die Anbindung an die B 33 sowie die beiden Binnenhäfen von Kehl und Straßburg bieten dafür gute Voraussetzungen. Schwachstellen sind nach dieser Veröffentlichung aber Engpässe in der Verkehrsinfrastruktur in der Region selbst und ein Mangel an Gewerbeflächen vor allem in den höheren Lagen des Schwarzwalds. Ein weiteres Plus: Eine diversifizierte Wirtschaftsstruktur mit Unternehmen sehr unterschiedlicher Größe mache den Ortenaukreis weniger krisenanfällig als andere Regionen, heißt es in der „Adeus“-Veröffentlichung. Das produzierende Gewerbe sei vor allem durch familiengeführte Mittelstandsunternehmen mit starker Sozialverantwortung vertreten. Nicht zuletzt mache auch eine hohe Lebensqualität und die gute Nahversorgung mit Dienstleistungen die Region für Bürger attraktiv. Gelte die Region doch auch als hochwertiges Urlaubsziel.

Falsche Außenwahrnehmung

Allerdings zeigt sich hier wie auch in anderen Teilen Deutschlands in manchen Branchen ein Arbeitskräftemangel. Es gibt zahlreiche Bemühungen der Kammern, von Unternehmen und anderen Einrichtungen, die Ortenau für Menschen aus Frankreich aus Arbeits- und Ausbildungsort attraktiv zu machen. Man hat freilich damit nicht immer Erfolg, was unter anderem auf Sprachbarrieren und die unterschiedlichen Arbeitskulturen und Ausbildungsgänge zurückzuführen ist. Wie nach Angaben von „Adeus“ Beteiligte ebenfalls erklären, wird die Ortenau von außen oft als ländliches Gebiet und nicht als wichtiger Industriestandort wahrgenommen. Offenburg als Oberzentrum und größte Stadt des Kreises habe nicht den Ruf einer echten Regionalmetropole wie Freiburg oder Karlsruhe. Was kann man tun, um die Lage zu verbessern? „Die Wirtschaft fördert man am besten, indem man sie tun lässt“, meint Fehringer. Wichtig sei vor allem eine Reduzierung der bürokratischen Hürden, der Staat müsse schnell und verstärkt in die Infrastruktur investieren sowie bezahlbare Energie für die Unternehmen sicherstellen. Auch Nectanet trage mit zahlreichen Aktivitäten dazu bei, „die Region als lebenswertes Umfeld zu erhalten“, so Fehringer. Auch die Schaffung engerer Verbindungen mit Straßburg könnten wohl der Ortenauer Wirtschaft helfen – nicht nur zur Gewinnung von Arbeitskräften. Der Kreis könnte von den in Straßburg ansässigen Dienstleistungsunternehmen, der Universität und den Forschungslaboren profitieren, obwohl es ja auch hier mit den Hochschulen in Offenburg und Kehl profilierte Bildungs- und Forschungseinrichtungen gibt. Umgekehrt könnte sich auch Straßburg auf die leistungsfähige Struktur des Ortenaukreises stützen.

Ein Artikel der Mittelbadischen Presse / Reinhard Reck.
https://mittelbadische.de/